Der Missjöh hört diesmal: Sido – Ich und meine Maske Juli 11, 2008
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Mit Album Nummer drei hat Sido scheinbar alles richtig gemacht. Schon in der ersten Woche belegte „Ich und meine Maske“ (Grammatikpuristen weggehört) Platz 1 der deutschen Albumcharts – die erste Spitzenplatzierung für Sido und auch seine erfolgsverwöhnten Aggro-Kollegen, erst vor wenigen Monaten von Groove Attack zum Majorlabel Universal gewechselt.
Die persönliche Trilogie des Berliner Rappers ist somit nach eigener Aussage beendet. 5 Jahre nach „Maske“ und 1,5 Jahre nach „Ich“ fühlt sich der Berliner endgültig an der Spitze angekommen. In „eine Zukunft jenseits der Ghettos, Skandale und des Boulevard“ soll ihn sein zukünftiger Weg nun endgültig führen, weg von oberflächlichen und eindimensionalen Rapthemen ohne Inhalt, wie es die Presseinfo verspricht. Das Klischee des typischen Ghettorappers hatte er bereits auf dem Zweitling fast vollständig ablegen können, sein großes Mundwerk aber blieb weiterhin sein Markenzeichen, wie eine liebevoll bedachte Sarah Kuttner schmerzhaft feststellen musste.
Und genau dieser Stelle knüpft Sido mit seinem dritten Album an. Zwar lassen sich Ausfälle wie das hochgradig schlüpfrige „Strip für mich“ oder das im Gesamtkontext eindeutig unpassende „Aggrokalypse“ anscheinend nicht verhindern, aber es sind vor allem die kritischen und überlegten Töne, die die Transformation des Protagonisten in Richtung Erwachsensein unterstreichen. So appelliert er nicht nur an die Eltern, sich mehr um ihre Kinder zu kümmern („Augen auf“), sondern legt auch endgültig die Streitigkeiten mit seinem Frankfurter Kollegen Azad auf dem hervorragenden „Pack schlägt sich, Pack verträgt sich“ beiseite. Löblich.
Das in diesem Umfeld wohlbekannte Produzententeam Paul NZA und Marek Pompetzki hat mit abwechslungsreichen Beats auch jenseits altbekannter Synthie-Muster gute Arbeit geleistet, die zwar Kracher wie „Mein Block“, „Fuffies im Club“, „Interview“ oder „Goldjunge“ trotz guter Songs wie „Halt dein Maul“ ein wenig vermissen lassen, aber letztlich mit inhaltlicher Geschlossenheit und einem hervorragenden Mastering überzeugen.
Nicht, dass hier jetzt ein falscher Eindruck entsteht: feinsinnige poetische Abhandlungen sind nur bedingt die große Stärke des 27-jährigen Paul Würdig, der sich schon mal in beinahe schwülstigem Pathos („Danke“) verliert.
Sido aber beweist letztendlich, dass er neben seiner großen Klappe auf Albumlänge wiederholt mit Humor, kritischen Ansätzen und interessanten Ideen wie etwa der Thematisierung seiner Beziehung zu seiner berühmt-berüchtigten Maske (siehe Titelsong) punkten kann. Eine Überraschung ist das aber nach dem bereits sehr guten „Ich“ kaum noch.
Der Missjöh hört diesmal: Sergio Mendes – Encanto Juni 1, 2008
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[Concord / Universal Music]
VÖ: 02.05.2008
„Die brasilianische Musik hat eine gewisse Sinnlichkeit, ein sehr reines Gefühl“. Wer das sagt, muss es ja wissen. Denn Sergio Mendes ist niemand geringeres als einer der berühmtesten brasilianischen Musiker aller Zeiten und vor fast 50 Jahren Mitbegründer des Bossa Nova. Schon vor zwei Jahren zeigte sich, dass Mendes‘ zeitloser Brasil-Sound nicht nur von vielen als seichte Fahrstuhlmusik verspottet wird, sondern auch mit zeitgenössischen R&B- und Hiphop-Klängen gut funktioniert. „Timeless“ hiess das Werk damals, das Mendes gemeinsam mit BEP-Mastermind will.i.am aufnahm, ähnlich wie seinerzeit Wyclef Jean, der Gitarrenvirtuose Carlos Santana zu neuen Höhenflügen verhalf.
Anstatt aber einfach eine Neuauflage von „Timeless“ mit anderen Künstlern vorzulegen, war Sergio Mendes auf „Encanto“ (Portugiesisch für „Anmut“) etwas anderes wichtig: „Diesmal empfand ich es als sehr wichtig, ihn [will.i.am, d. Red.] mit nach Brasilien zu nehmen – zu meinen Wurzeln.“ Was im Endeffekt dazu führt, dass diesmal Bahia- und Sambaklänge vorherrschen, aber geschickt Elemente aus Pop, Jazz, Hiphop und R&B mit verarbeitet werden.
Kreativer Kopf ist neben dem Namensgeber wie schon auf dem Vorgänger will.i.am, der sich aber sichtbar vom Rampenlicht zurückhält und dem Altmeister einen großen Teil des selbigen überläßt. Lediglich auf zwei Songs tritt Erst genannter aktiv in Erscheinung – einmal Solo, einmal gemeinsam mit der Ex-Sängerin der Brand New Heavies, Siedah Garrett. Ein großer Pluspunkt: „Encanto“ klingt zu keiner Zeit wie ein neues Album der Black Eyed Peas mit Samba-Rhythmen, sondern wie eine Variation klassischer und stimmungsvoller Bahia-Klänge mit zeitgenössischen Elementen und zeitlosen Künstlern.
Dies sind neben dem kolumbianischen Sänger und Gitarristen Juanes, der vor einigen Jahren mit „La camisa negra“ auch hierzulande einen Riesenerfolg hatte, u.a. die amerikanische Sängerin Natalie Cole, der italienische Sänger/Rapper Jovanotti oder der deutsche Jazz-Trompeter Till Brönner. Aber auch Weggefährten wie Carlinhos Brown, Herb Alpert (Tijuana Brass) oder Mendes-Frau Gracinha Leporace als Sängerin und diverse andere Musiker aus Mendes‘ Historie tragen ihren Teil zu „Encanto“ bei.
Das Ganze resultiert schließlich in 14 gut gelaunten Songs, die sowohl bei einem entspannten Cocktail in einer Latino-Lounge wirken als auch bei einem gepflegten Tanzabend lateinamerikanischer Couleur. Songs wie „Waters of March“, „Morning in Rio“ oder „Acode“ sind mit ihren schnellen Rhythmen hochgradig tanzbar, aber trotzdem wunderbar unaufgeregt. Sanft und jazzig hingegen fließen „Somewhere in the hills“ oder „Dreamer“ aus den Boxen. Zusammen bildet das eine großartige Komposition mit eindeutigem Ohrwurmfaktor.
Diese Rezension wurde geschrieben von Steffen Rieger für WebBeatz.de
Der Missjöh hört diesmal: The Roots – Rising down April 28, 2008
Posted by zdeev in Hiphop, Musik.Tags: hiphop rezension roots musik webbeatz
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The Roots – Rising down (VÖ: 25.04.2008, Label: Def Jam / Universal)
Mal von der nahezu quietschfidelen Single „Birthday Girl“ abgesehen, läßt sich „Rising down“ mit vier knappen Aussagen charakterisieren: Dreckig. Düster. Roh. Atmosphärisch dicht. Das macht nicht nur demRezensenten die Arbeit einfacher, sondern ist auch eine klare Fortsetzung dessen, was The Roots vor gut anderthalb Jahren auf „Game Theory“ bereits begannen. Wer damals dachte, dass weniger Melodie kaum möglich ist, wird hier vom Gegenteil überzeugt: doch, es geht. Schwer rollen die Bässe, unheilvoll scheppern die Drums und nicht minder wütend klingen Rapper Black Thought und die zahlreichen Gäste wie die Langzeitkollegen Common, Mos Def, Talib Kweli und Malik B., die The Roots auf ihrem zehnten Album unterstützen. Ob es jetzt wirklich derer 13(!) auf grade mal 15 Songs benötigt, bleibt zwar zu bezweifeln. Aber Arbeit gibt es genug.
„Die neue LP ist auf jeden Fall unser bis dato politischstes Album“, führt Mastermind ?uestlove aus, wie üblich auch diesmal als Produzent für das Gros des Albums zuständig. Neben Themen wie Abhängigkeit, Probleme im amerikanischen Strafvollzugssystem und Scheinheiligkeit der Politik gibt es die fast obligatorischen Abhandlungen über das Leben auf der Straße und Würde in der Musikindustrie. Alles keine leichten Themen und der Albumtitel ist nicht ohne Grund an William T. Vollmans Gewaltstudie „Rising Up and Rising Down“ angelehnt worden, samt US-Veröffentlichungstermin exakt 16 Jahre nach den Unruhen in Los Angeles, verursacht durch den Freispruch der Polizisten im Fall Rodney King. Das hätte etwas von Endzeitstimmung, würden sich nicht die ein oder andere gesungene Hookline („Singing Man“, „Rising up“) oder eine wunderbar eingesetzte Akustikgitarre („Criminal“) mal darin verirren.
Dennoch liegt die Aktienmehrheit auf wuchtig prasselnden Rapgewittern wie „Get busy“, „75 bars (Black’s Reconstruction)“ oder der „It’s bigger than hiphop“-Reminiszenz „The Show“. Und darin sind die The Roots erwartungsgemäß richtig gut.
//Diese Rezension wurde verfasst von Steffen Rieger für WebBeatz.de
